Mein Griechenland-Tagebuch

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Wer von Ihnen, meine lieben Damen, vor kurzem Urlaub in Griechenland gemacht hat, sich von Land, Sonne, griechischer Lebensart und einem Griechen verzaubern ließ, sollte vor Vertiefung der Beziehung, die über Strandspaziergänge bei Mondlicht und Wange-an-Wange-tanzen in der Disco hinausgeht, unbedingt Rat bei meinem Tagebuch holen.

 

Mein Tagebuch ist wie ein Starterkabel: Es hilft Ihnen, wenn Sie Ihre erste Schritte als feste Freundin oder Ehefrau auf griechischem Boden machen. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass die Reaktion der Familie und der engsten Freunde eine andere ist, wenn aus der Touristin plötzlich die zukünftige Ehefrau wird. Eine Touristin ist wie ein Landregen, der schnell vorbeigeht. Die Maßstäbe, die an die Touristin gelegt werden, sind ganz anders, als die, die an die Zukünftige gelegt werden.

 

Der Satz Ihres Griechen: "Mach Dir keine Sorgen, meine Familie wird dich lieben." dient mehr zu seiner eigenen Beruhigung als zu Ihrer. Wenn er Ihnen in die Augen schaut, ist er sich auch sicher, dass er das Projekt "Meine zukünftige Ehefrau" mit links meistern wird. Seine Zuversicht wird sich schlagartig ändern, wenn er auf die liebevolle Nachfrage seiner Mutter "Na, mein Kind, was gibt's Neues?" in Erklärungsnot gerät. Tja, wie sagt man nun, dass man vorhat, eine andere Frau zu heiraten, als diejenige, die die Mama für ihn ausgeguckt hat. Ein schwerer Schritt, der in etwa mit dem vergleichbar ist, wenn Sie beim Finanzamt vorsprechen und um Stundung Ihrer Steuerschuld bitten. Der Blick des Finanzbeamten ist wie der der Mama bei Verkündung des Sohnes, dass er Patricia und nicht Sofula heiraten wird. Wie die jeweilige Entscheidung ausfällt, lässt sich im Vorfeld nicht sagen.

 

Ich habe meinen Griechen zwar nicht im Urlaub in Griechenland kennengelernt sondern an der Bushaltestelle in Deutschland (auf dieses denkwürdige Treffen komme ich später noch ausführlich zurück). Aber vor unserer gemeinsamen Reise zu seinen Eltern nach Griechenland hat auch er mich gebrieft:

 

1) Sage niemand, dass Du 7 Jahre älter bist als ich.

2) Sage niemand, dass Du schon mal verheiratet warst.

 

Daran habe ich mich bis zum seinem Tod in 2010 gehalten. Mit dem Wissen von heute würde ich das nicht mehr machen.

 

Im Griechenland der achtziger Jahre hatte die Frau jünger zu sein als der Mann und sollte, wenn möglich, noch Jungfrau sein. In meinem Fall traf beides nicht mehr zu, wobei Jungfrau mit 35 nach einer ersten Ehe ein echtes Wunder gewesen wäre.

 

Daher meine Aufforderung an Sie: Wenn Sie

 

a) planen, einen Griechen zu heiraten und

b) auf sein Angebot eingehen, nach Ihrer Heirat dort zu leben

 

sollten Sie Folgendes in Betracht ziehen:

 

1) Lernen Sie Griechisch - das ist ein MUSS.

2) Machen Sie sich im Vorfeld mit den landestypischen Sitten und Gebräuchen vertraut.

3) Informieren Sie sich, ob Sie bei einer kirchlichen Hochzeit in Griechenland nicht vorher zum griechisch-orthodoxen Glauben konvertieren müssen.

4) Bestehen Sie darauf, nach Ihrer Heirat in einer EIGENEN Wohnung zu leben, die nicht fußläufig von seinem Elternhaus zu erreichen ist.

5) Lesen Sie mein Tagebuch. Etwas Eigenwerbung darf sein!

 

Vorwort

 

Ich bin meinem Griechenland-Abenteuer vollkommen unbefangen gegenübergetreten, was sich im Nachhinein als Fehler herausgestellt hat. Ich wusste nichts über Sitten, Gebräuche und Lebensgewohnheiten, und ich sprach kein Griechisch. Ein schwerwiegender Fehler.

 

Fakt ist, dass Griechenland zwar nach außen hin ein modernes Land ist, aber die Menschen in Griechenland sehr stark von ihrer Erziehung, ihrer Ausbildung und den althergebrachten Sitten und Gebräuchen geprägt sind. Dies trifft vor allem noch in Dörfern oder kleineren Städten zu.

 

Der Grieche ist ein Familienmensch, auch der im Ausland lebende Grieche. Der im Ausland lebende Grieche fährt im Sommerurlaub immer nach Griechenland und auf jeden Fall an Ostern. Ein Osterfest außerhalb der Heimat ist kein richtiges Osterfest, auch wenn er im Garten des Gastgeberlands ein Lamm grillt und seine Frau alle Eier rot färbt oder die engsten griechischen Freunde anwesend sind. Ihm fehlt seine griechische Familie. Auch in Zeiten von Skype und WhatsApp.

 

Und hier haben wir schon einen Punkt, der in einer deutsch-griechischen Gemeinschaft zu ernsten Problemen führen kann, wenn der Nichtgrieche seinen Urlaub lieber mal in Südfrankreich oder in Italien verbringen will. Dazu kann man den griechischen Partner allenfalls zu Weihnachten überreden. Ich war erst 2012 im September zum ersten Mal in Südfrankreich!!!

 

Ein im Ausland lebender Grieche ist zwiegespalten. Im Ausland will er nach Griechenland, und wenn er längere Zeit in Griechenland war, erscheint ihm das Ausland wie das Paradies.

 

Wenn Sie sich durch alle "Kapitel" meines Griechenland-Tagebuchs durchgearbeitet haben, sind Sie Griechenland-tauglich, d. h. Sie können in Griechenland leben, ohne die Entfernung von einem Fettnäpfchen zum nächsten messen zu müssen.

 

Babis (mein 2010 verstorbener griechischer Ehemann) war mir bei der Eingewöhnung in eine für mich fast außerirdische Lebensform keine große Hilfe. Dies lag aber hauptsächlich daran, dass es für ihn ja nicht UNGEWÖHNLICH war. Er ist damit aufgewachsen!

 

Kurz noch etwas zum Aufbau dieser Seite. Die neuesten Geschichten finden Sie immer im Anschluss an "Griechenland - The beginning!".

 

 

09.01.2017:

 

Sie schweben auf Wolke 7

 

Sie haben Ihren Mr. Right, einen Griechen, kennengelernt und schweben auf Wolke 7.

  1. Sie haben ihn während Ihres Urlaubs kennengelernt und können sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sie planen schon Ihren Umzug zu ihm nach Griechenland.
  2. Sie haben ihn an der Uni kennengelernt, und er wird nach Abschluss seines Studiums nach Griechenland zurückkehren, um dort zu arbeiten. Sie möchte er natürlich mitnehmen.
  3. Er lebt schon längere Zeit in Deutschland und hat sich hier eine Existenz aufgebaut.

Im 1. und 2. Fall sollten Sie vor Ihrem Umzug unbedingt sicherstellen, ob er eine eigene kleine Wohnung hat, die nach Möglichkeit nicht in seinem Elternhaus oder in der Nähe desselben liegen sollte.

 

Wenn Sie zu ihm in sein Elternhaus ziehen, sollten Sie sich darüber im klaren sein, dass Privatleben gestern war. Natürlich wird er Ihnen sagen, dass Sie beide eines Tages ihr eigenes kleines Reich haben werden, und dass das Wohnen bei seinen Eltern nur vorübergehend ist. Vorübergehend ist in Griechenland ein Zeitraum, der sich von wenigen Monaten bis über mehrere Jahre erstrecken kann.

 

Im 3. Fall: Vergessen Sie Urlaube in der Karibik, in der Dominikanischen Republik usw. Wenn Sie schlau sind, heben Sie sich ein paar Tage Ihres Jahresurlaubs für eine Kurzreise in ein anderes Land auf. Ab sofort werden Sie Ihren Jahresurlaub mit ihm in Griechenland verbringen. Im Hause seiner Eltern.

 

Wenn Sie Glück haben, liegt es am Meer. Wenn Sie Pech haben, im Landesinnern. Mit etwas Glück können Sie ihn vielleicht für 3-4 Tage am Meer überreden, wobei Sie sicherlich jemand von der Schwiegerfamilie (Du hast ihn ja das ganze Jahr über und wir nur 3 Wochen) begleiten wird oder wenigstens ein befreundetes Pärchen.

 

Fakt ist, in dem Moment, wo Ihr Mr. Right einen Fuß auf griechischen Boden setzt, ist er anders als der Mann, den Sie von zuhause aus kennen.

 

Natürlich behaupte ich nicht, dass alle griechischen Männer dieses Verhaltensmuster aufweisen, denn ich kann hier nur meine eigenen Erfahrungen wiedergeben. Aber ich war 28 Jahre lang mit einem Griechen verheiratet und habe 9 Jahre mit ihm in Griechenland gelebt. Allerdings im eigenen Haus, was leider auch nicht immer vor schwiegermütterlichen Übergriffen schützt.

 

 

 

Griechenland – The beginning!

 

Ursprünglich wollte ich mein Leben in Griechenland in chronologischer Reihenfolge erzählen, aber ich habe diesen Gedanken verworfen. Ich finde kleine Geschichten – ähnlich wie Ephraim Kishon sie geschrieben hat - über den Alltag, über Sitten und Gebräuche in Griechenland viel interessanter und gefälliger zu lesen.

 

Mein erster Griechenlandaufenthalt dauerte von Anfang Januar 83 bis Dezember 83 und zeigte mir klar und deutlich zwei Dinge:

 

1) Meine Schwiegermutter und ich sind nur bedingt kompatibel.

2) Ich bin definitiv nicht für ein Familienleben mit Schwiegereltern und Schwager auf engstem Raum geeignet, wobei Schwiegervater und Schwager nicht das Problem waren.

 

Mein zweiter längerer Griechenlandaufenthalt dauerte von Mai 2003 bis Mai 2012, den ich aber im eigenen Haus in ca. 7 km Entfernung von der schwierigen Mutter verbrachte.

 

Meine hier erzählten Erlebnisse sind sozusagen ein Konglomerat aus beiden Aufenthalten.

 

 

09.01.2017: Once upon a time ....

 

Viele aus meinem Freundeskreis kennen diese Geschichte schon. Ich habe sie oft geändert, aber diese hier ist sozusagen die Originalgeschichte. In der Geschichte nehme ich Bezug auf Filme und Theaterstücke, da ich die Geschichte ursprünglich für meinen Freund Jörg geschrieben habe.

 

Sonntag, 20.12.81 – Saarbrücken versinkt im Schnee. Weißes Flockengeriesel fällt aus einem eiswürfelfarbenen Himmel. Ich verbringe den Spätnachmittag perfekt gestylt in einer Kneipe in der Altstadt. Von außen wärmen der schicke Wintermantel und die ebensolchen Stiefel. Die innere Kälte (die aus den Knochen) vertreiben wir gezielt mit Beaujolais Primeur.

 

Als wir schließlich wieder vor der Kneipe landen, liegt der Schnee schon sehr hoch – und wie immer trage ich weder Kappe, Kopftuch (Nicht ohne meine Tochter!!!), Hut oder Mützchen. Die Mützchen (die mit den Lappen über den Ohren) habe ich mir schon im zarten Alter von 12 Monaten vom Kopf gerissen und zusammen mit den Wollfäustlingen aus meinem Kinderwägelchen geworfen. Sehr zur "Freude" meiner das Kinderwägelchen schiebenden Mutter, die durch das ständige Bücken nur langsam vorwärts kam. Die Fäustlinge wurden an die "Kette" gelegt, d.h. sie wurden mit einer Wollschnur miteinander verbunden. Für das Mützchen hatten sie damals noch keine Lösung, d.h. meine Mutter musste sich im Winter öfters bücken als im Sommer. Später wurde ein Hütchen angeschafft, das unter dem Kinn geknöpft wurde. Diesem Teil zu entrinnen, war schon wesentlich schwieriger... Doch ich schweife wieder mal ab.

 

Bis zur Bushaltestelle it's a long, long way, und als ich schließlich bei meinen Eltern zum Abendessen eintreffe, sehe ich aus, wie aus einem Heimatfilm entsprungen (wenn die Protagonistin wegen em Gspusi mit dem Sepp kurz vor dem einsetzenden Unwetter aus dem elterlichen Hütterl gejagt wird. Als sie dann aus der Tür tritt, trifft sie dann immer die ganze Wucht des Unwetters.): Die Haare hängen mir nass ums Gesicht, die Stiefel quietschen bei jedem Schritt, da voll Schneewasser (ich mag gar nicht an die Ränder (die vom Schnee) denken), und der Mantel hat im unteren Drittel, den auf dem Bürgersteig in Knöchelhöhe liegenden Schnee aufgesaugt. Das ist in "Doktor Schiwago" nie passiert. Die sahen auch nach einem strammen Marsch durch den Schnee immer noch adrett aus (natürlich, war ich noch nie so feingliedrig wie Geraldine Chaplin). Wahrscheinlich hatte der Schnee auch eine andere Konsistenz. Mutter schlägt die Hände überm Kopf zusammen und kann gar nicht glauben, dass das ihre Tochter ist, die erst vor 4 Stunden so perfekt gestylt das Haus verlassen hat. Die Stiefel werden gleich mit Zeitungspapier ausgestopft, der Mantel kommt auf einen Formbügel (!) und ich unter den Fön.

 

Montag, 21.12.1981 - Am nächsten Morgen will ich schon früh aufbrechen, um mir eine Tanne im Topf zu kaufen und um meine Wohnung für Weihnachten zu schmücken. Aus früh wird nichts, da weder die mit Zeitungspapier ausgestopften Stiefel noch der auf dem Formbügel anklagend vor sich hin tropfende Mantel aus 80 % Kamel (ja, ich weiß, ich wäre besser damit durch die Wüste gelaufen) trocken sind. Abgesehen davon, schneit es noch immer.

 

Es stellt sich also nun die Frage: "Wie komme ich von A nach B?". Jetzt kommt mein Vater ins Spiel: "Mutti, hol doch meine Skischuhe (schwarze, knöchelhohe Lederstiefel mit Reißverschluss vorne und dicker gerippter Sohle), die ich 1960 bei unserem Winterurlaub getragen habe." Ich nehme es gelassen, denn wer von den Rodenhofern wird bei diesem Wetter freiwillig vor die Tür gehen. Nachdem Muttern die Winterstiefel aus den Tiefen des Rollschrankes hervorgekramt hat, kommt mein Vater mit einem weiteren Teil aus dem Didié'schen Fundus: Seinem alten, abgelegten, dunkelblauen ¾ langen Wintermantel.

 

Kennt Ihr die Szene aus "Pappa ante Portas", wo Loriot seinen Wintermantel dem Sohn vermacht? Dann könnt Ihr Euch diese ohne weiteres vorstellen. Ich stehe "Probe", d.h. mit Vaters Winterstiefeln und seinem Mantel. Ihr erinnert Euch an den Film "Kohlhiesels Töchter" (mit Lieselotte Pulver als hässliche Tochter)? Ungefähr so sah ich aus.. Mitten in die Probe platzt Herr Paquet (unser Vermieter) und sagt: "Du brauchst was auf dem Kopf.", sprachs und geht in den Keller. Wenig später kommt er mit einem Trachtenhut (grün (!), mit Hutband und Kordel) zurück, den er sich 1958 bei einem Urlaub in Rottach-Egern gekauft hatte. Er setzt ihn mir auf den Kopf, und ich sehe zuerst gar nichts mehr. Hut zu groß. Muttern weiß Abhilfe und polstert das Hutband im Innern mit einem Stück Zeitung aus. Der Hut bleibt oben und rutscht nicht mehr über meine Ohren nach unten. Tipp meines Vaters: "Zieh den Hut ruhig etwas tiefer in die Stirn, so erkennt Dich niemand..." Ähnlich "verunstaltet" war ich das letzte Mal bei meinem Auftritt als Statistin am Staatstheater in Saarbrücken im Bühnenstück "Nach dem Sündenfall" von Arthur Miller, als ich auf das Stichwort "Und hier ein hässliches Mädchen..." im himmelblauen (!) Kleid mit Puffärmeln (!) und unter der Brust sitzender Taille (spätes Empire) die Bühne betrete.

 

Rodenhofs next top model verlässt die elterliche Wohnung, um sich zur Bushaltestelle zu begeben. Der Hut sitzt so tief, dass ich nur das sehe, was ca. 2 m vor mir ist.

 

Gesenkten Hauptes und mit hochgeschlagenem Mantelkragen treffe ich an der Bushaltestelle ein und hätte um ein Haar einen dort wartenden Mann umgerannt. Wegen des tief in der Stirn sitzenden Hutes sehe ich ihn erst in letzter Minute. Er trippelt auf der Stelle und schlägt immer wieder die Arme um sich, wie man das halt so macht, wenn einem saukalt ist.

 

Ab und zu sieht er zu mir herüber, was dazu führt, dass ich den Hut noch tiefer ziehe. Erleichterung auf beiden Seiten, als endlich der Bus eintrifft. Wenig später steigen wir beide an derselben Haltestelle aus und nicken uns kurz zu. Plötzlich bleibt er stehen und fragt, ob er mich auf einen Kaffee in eines der Cafés am Markt einladen dürfe. Meine Einwände, dass ich eigentlich nicht stadtfein sei und überhaupt noch eine Tanne im Topf besorgen wollte, fegt er einfach beiseite.

 

Als wir in einer der angesagtesten Kneipen in der Altstadt vor unserem Kaffee sitzen, sagt er mir, dass ich einer persischen Kommilitonin zum Verwechseln ähnlich sehe. Netter Versuch!

 

Ich erfahre außerdem, dass er Grieche ist (Griechen kannte ich bisher nur aus der Mythologie, wobei mich Zeus, der vom Göttersitz Olymp Blitze auf all jene schleudern konnte, die ihm entweder nicht passten oder die etwas getan hatten, was ihn verärgerte, am meisten faszinierte.), nach dem Abitur nach Deutschland gegangen ist, sich nach Erlernen der deutschen Sprache zum Studium der Informatik entschlossen hat, in einem griechischen Restaurant kellnert, um sich selbst zu finanzieren und nach Abschluss des Studiums im nächsten Jahr nach Griechenland zurückgehen wird, wo seine Eltern und sein jüngerer Bruder leben. Und  ich erfahre außerdem, dass er Babis heißt. Eigentlich Charalampos, was ausgesprochen wie Scharalampos (aber tief in der Kehle gesprochen wird, so wie bei den Schweizern). Und dass er gerade 27 geworden ist. Somit ist er exakt 7 Jahre jünger als ich, die bisher eigentlich ältere Männer favorisierte. Aber wie sagte schon eine meiner Freundinnen: "Such Dir doch mal einen Jüngeren, alt werden sie von alleine." Der Anfang ist gemacht, nun habe ich schon mal einen kennengelernt. Wir verabreden uns, an einem der nächsten Tage zum Essen zu gehen.

 

 

09.01.2017:

 

Nach dem Kennenlernen am 21.12.1981 folgt Anfang 1982:

Das erste von mir zubereitete griechische Gericht

 

Nachdem wir einige Male zusammen ausgegangen sind, beschließe ich, mich mit der griechischen Küche vertraut zu machen.

 

Bisher fühlte ich mich sehr stark mit der französischen Küche  verwurzelt und daher umfasste meine „kulinarische“ Bibliothek die angesagtesten Werke von Bocuse und den Brüder Haeberlin.

 

Wobei ich mich beim Lesen des Bocuse-Kochbuchs schon immer gefragt habe, welcher der Leser tatsächlich den kompletten, im Kupfertopf (!) stehenden und mit einer dicken Rotweinsoße überzogenen Hasen seinen Gästen serviert.

 

Unter den Werken der Meister befinden sich auch kleinere Werke mit italienischen und schweizerischen Rezepten (überraschend, aber sie können auch anderes als nur Fondues und Raclette). Nun kommt also noch ein griechisches Kochbuch hinzu. Beim ersten Durchblättern stelle ich große Unterschiede zu den mir vorliegenden Werken und der jeweiligen landesüblichen Küche fest.

 

Ich lade ihn zum Essen ein und plane als Vorspeise das inzwischen jedem bekannte Tzatziki ein. Das wird ihn freuen. Ein Gericht aus seiner Heimat! Warum Tzatziki? Das erschien mir am einfachsten zu sein, wie schon aus den Zutaten ersichtlich ist: Joghurt, Gurke, Knoblauch, Dill. Die Verfasserin des Buchs schrieb "Naturjoghurt" vor.

 

Mit 3 Bechern Naturjoghurt und den restlichen Zutaten beginne ich mit der Zubereitung meines ersten griechischen Gerichts. Als ich das Ergebnis betrachtete, fand ich, dass mein Tzatziki und das auf dem Foto in dem Kochbuch überhaupt nichts gemeinsam hatten. Während das Tzatziki auf dem Foto eher eine pastöse Konsistenz (wie eine Gurkenmaske, wobei der Knoblauchgeruch eventuell stören könnte) hatte, war mein Tzatziki sehr flüssig. Mit kleineren Gurkenstücken wäre es glatt als Trinkjoghurt durchgegangen.

 

Als ich Babis meine Vorspeise in einem kleinen Schälchen, hübsch mit einem kleinen Zweiglein Dill garniert, serviere, blickt er kurz auf die Vorspeise und dann zu mir und fragt: "Was ist das?"

"Tzatziki."

"Nein, das ist kein Tzatziki, das ist viel zu flüssig. Ihr Deutschen habt zu wässrigen Joghurt. Unser Joghurt ist schnittfest und vom Schaf. Im Restaurant nehmen wir Tortenquark. Das nächste Tzatziki mache ich."

 

Natürlich bin ich eingeschnappt. Mein Erstlingswerk und dann so etwas. Und er fügt hinzu: "Das Kochbuch ist nur für die Tonne gut. Wenn wir im Sommer meine Eltern besuchen, kannst Du von meiner Mutter lernen, wie man richtig kocht."

 

Wie ein altes Vorhängeschloss schnappe ich hörbar ein: "Ich kann kochen, nur eben nicht griechisch."

 

Klar, dass so etwas an frau nagt. Zeitgleich mit dem griechischen Kochbuch habe ich mir ein Buch "Neugriechisch für Anfänger" gekauft, um mich mal einzulesen. Leichter gesagt, als getan.

 

Ich beginne mit dem Alphabet, das ich nach fleißigem Üben fehlerfrei (will heißen in der richtigen Reihenfolge) aufsagen kann. Dabei habe ich aussprachemäßig meine Probleme mit Delta, Gamma und Theta. Gamma ist wieder was für den Bereich zwischen Hals und Gaumen, während Delta und Theta eher gelispelt werden. Kalimera (Guten Morgen/Guten Tag), Kalispera (Guten Abend) und Kalinichta (kann man sich einfach merken: "Kali nicht da") für Gute Nacht. Schon echt "fortgeschritten" bin ich mit "Ti kaneis"  bzw. "Ti kaneite" (Wie geht es dir bzw. Ihnen/Euch). Nach 3 Monaten spricht Babis das erste Mal davon, mich mit in Urlaub zu nehmen und seinen Eltern vorzustellen. Das Buch habe ich zurück ins Regal gestellt und übe praktisch durch Nachsprechen einige Sätze, die man in einer kleinen Unterhaltung so braucht.

 

Wie auch zum Beispiel den legendären Satz: "O Babis then ine eso, ine exo me to skili" (Babis ist nicht da, er ist mit dem Hund raus). Diesen Satz sollte ich sagen, wenn seine Mutter während seiner Abwesenheit anruft. Und diesen Satz habe ich beim rhythmischen Saugen der Auslegware ständig vor mich hingesagt. Als das Telefon endlich klingelte, habe ich mich drauf gestürzt, so als könnte es sich nach dreimaligem Klingeln auf und davon machen. Die Anruferin, die unschwer als Griechin zu erkennen ist, identifiziere ich als seine Mutter und haue ihr meinen auswendig gelernten Satz um die Ohren und lege sofort auf.

 

Wie sie ihm später sagte, war sie enttäuscht, dass ich so schnell aufgelegt hatte, da sie gerne noch länger mit mir geredet hätte.... Bei meinem begrenzten Wortschatz hätte das Gespräch sowieso nicht länger als 2 Minuten gedauert.

 

 

09.01.2017:

 

Mein erster Urlaub mit meinem Griechen in Griechenland im Sommer 1982

 

Bevor wir zu unserem ersten gemeinsamem Urlaub und meinem ersten Besuch in Griechenland aufbrechen, erhalte ich noch einige Verhaltensmaßregeln:

 

1) In Gesprächen mit seiner Familie, seinen Freunden und Bekannten, sofern diese in Englisch geführt werden, nicht mein wahres Alter (34) zu verraten sondern mich für 29 auszugeben. Natürlich musste ich auch das Alter meiner Eltern nach unten anpassen, was meine Mutter vor Treffen mit meiner Schwiegerfamilie immer zu der an mich gerichteten Frage veranlasste: "Wie alt bin ich nochmal?"

 

2) Mit keinem Wort meine 1. in Genf geschlossene und geschiedene Ehe zu erwähnen, sondern nur zu sagen, dass ich schon mal einen Freund hatte, die Beziehung aber auseinander gegangen sei. Ich verfüge nun über das notwendige Rüstzeug, um mich sozusagen neu zu erfinden. (Würde ich heute nicht mehr machen.)

 

Nach einer langen Reise, die uns durch Frankreich, die Schweiz, Italien und das ehemalige Jugoslawien führte, erreichen wir gegen 19.00 h die griechische Grenze. Auf der Fahrt von der griechischen Grenze bis nach Levadia, wo seine Eltern leben, verliebe ich mich in die Schönheiten dieses Landes. Ich bin begeistert und kann es nicht oft genug sagen. Die haben hier auch mehr Sterne am Himmel finde ich, oder es fällt mehr auf, weil es außerhalb von geschlossenen Ortschaften stockdunkel ist. Doch nicht so dunkel, dass ich den Löwen in Chaironeia bei der Durchfahrt übersehen hätte.

 

Um 3.00 h haben wir endlich unser Ziel erreicht und werden überschwänglich von Eltern und Bruder empfangen. Seine Mutter ist klein und wuselt aufgeregt umher wie ein Huhn, wenn das Erstgeborene den Stall betritt. Sein Vater groß, schlank und ruhig. Er versucht sofort seine wenigen deutschen Worte anzubringen, die er extra für mich gelernt hat. Er ist mir auf Anhieb sympathisch. Der Bruder fällt ebenso wie sein Vater durch sein sehr sympathisches Lachen und die nicht aufgesetzt wirkende Herzlichkeit auf.

 

Nachdem sich die Mutter von ihrem Erstgeborenen abgewendet hat, sieht sie auf mich und sagt: "Sie ist ja gar nicht blond." Ich erfahre, dass die bisher einzigen hier vor Ort lebenden deutschen Frauen blond sind und aus Hamburg kommen. Nun, das kann schon mal zu der Schlussfolgerung verleiten, dass alle Deutsche blond sind. Wir setzen uns um 3.30 h zu Tisch, um Kaninchen mit Kartoffeln zu essen. Normalerweise esse ich kein Kaninchen, mache aber eine Ausnahme.

 

Am frühen Morgen fallen alle todmüde in ihre Betten. Ich kann nicht einschlafen, weil die Geräusche für mich neu sind. Als Stadtkind sind die Laute von Esel, Schaf und Hahn absolutes Neuland für mich. Hinzu kommt, dass auch die Zikaden schon früh mit ihren Lauten auf sich aufmerksam machen. Ich genieße es, vor allem den Sonnenaufgang und bin schon früh wieder auf.

 

Ich werde begutachtet

 

Als ich am nächsten Morgen im Hof am Waschtrog stehe, der eine festzementierte, mit Mosaikbelag ausgekleidete Wanne ist, und T-Shirts wasche (nicht, dass im Haus keine Waschmaschine wäre, aber ich wollte einen guten Eindruck machen), öffnet sich die Tür zum Innenhof und zwei schwarz gekleidete fast identisch aussehende ältere Damen  treten ein.

 

Sie erinnern stark an die weibliche Antwort auf die beiden alten Nörgler in der Muppets-Show Statler und Walddorf. Sie begrüßen mich im Hof und ich geleite die beiden Damen nach oben auf die Terrasse. Sie setzen sich nebeneinander aufs Sofa, und nehmen mich, die ihnen gegenüber Platz genommen hat, genau unter die Lupe. Eine der beiden trägt auch eine große schwarze Brille mit so dicken Gläsern, dass ich mich wie auf der Trägerplatte unter dem Mikroskop fühle. Ich sitze lächelnd da und harre der Dinge, die da kommen.

 

Zu meinem Glück geschehen 2 Dinge gleichzeitig, Babis kommt aus der Stadt zurück und seine Mutter betritt mit 2 Tassen griechischen Kaffees und 2 Gläsern Wasser die Terrasse. Der heimgekehrte Sohn begrüßt herzlich die  beiden Tanten und setzt sich dazu. Die Mutter flattert wieder davon, um Kaffee und Wasser für den Sohn zu holen. Nachdem nun alle sitzen, nehmen die Tanten ihre Musterung wieder auf. Bin ich tauglich, bedingt tauglich oder nicht tauglich? Ich höre schon den „Nicht-Tauglich-Stempel“ niederknallen.

 

Zuerst erklärt mir Babis den Verwandschaftsgrad der beiden Tanten. Die Griechen legen sehr großen Wert auf die richtige Zuordnung von Kusins und Kusinen. Zum Beispiel: Das ist Maria, meine Kusine 1. Grades. Anschließend folgt eine Zusammenfassung des Familienstammbaums. Nachdem nun klar ist, wer wer ist und von wem wer abstammt, beginnt die eigentliche Unterhaltung, die Babis  für mich übersetzt.

„Ist sie Deutsche.“

„Ja.“ „Sie ist aber nicht blond!“ (Ich beginne ernsthaft über eine Typ-Umgestaltung nachzudenken.) „Die beiden anderen Deutschen im Ort sind blond und kommen aus Hamburg.“ (Vielleicht sollte ich auch noch einen Umzug von Saarbrücken nach Hamburg in Erwägung ziehen, da Saarbrücken kaum einer kennt, und ich es der Einfachheit halber in die Nähe von Frankfurt verlegt habe, das die meisten kennen.)

 

Die Kleinere der beiden sagt nach längerer Überlegung: „Sie sieht gar nicht wie eine Deutsche aus.“ Die mit der Brille aus alten Fielmann-Beständen lässt die Feststellung ihrer Freundin nicht unkommentiert stehen und antwortet: „Nein, sie sieht nicht aus wie eine Deutsche, aber sie hat was von einer Deutschen.“

 

Nachdem das nun geklärt ist, trinken die Damen ihren Kaffee aus und schreiten von dannen.

 

Vorhang auf für die nächste Tante: Tante Elektra. Tante Elektra könnte glatt Medea spielen. Sie hätte das Rüstzeug dazu. Sie schließt mich in die Arme, drückt mir 2 Wangenküsse auf, schiebt mich ein wenig zurück, legt die rechte Hand auf ihre Brust und sagt: "Ich, Elektra und du?" Diese Geste erinnert mich stark an Tarzan und ich bin fast versucht „Jane“ zu sagen. Aber nein, ich sage brav meinen richtigen Vorname und sie fragt: „Gouda wie der Käse?“ Dazu muss man wissen, dass im Griechischen das „d“ „nt“ (ni, taf) geschrieben wird. Ein 2. „n“ ist nicht üblich. Und für die, die sich meinen Namen nicht merken konnten, war ich die Germanitha mit den Hunden (ja genau, wie im Indianischen: Name und Entsprechung). Und der Zusatz „mit den Hunden“ kam daher, weil ich mich immer um die Straßenhunde gekümmert habe.

 

Es folgte Tante Maro, die meine etwas ausladenden Hüften bemängelte, was meine „Schönheit“ minderte. Ohne diese ausladenden Hüften, wäre ich hübscher als ihre eigene Schwiegertochter gewesen, was ihren Neid hervorgerufen hätte.

 

Es ist ein Brauch, dass, wenn die zukünftige Schwiegertochter ins Haus kommt, alle Verwandten und Bekannten ihre Aufwartung machen, um das neue Familienmitglied willkommen zu heißen und zu begutachten. Und bei einer großen Familie wie meiner späteren Schwiegerfamilie hätte man am besten alle in einen 60 Sitzplätze fassenden Bus gepackt und gesammelt vorgefahren.

 

 

 

04.01.2017: Namenstag

 

Anm. zum Foto: Die Erklärung hierzu am Ende des Textes. Das Foto zeigt Armand Assante.

 

Anders als bei uns wird in Griechenland der Namenstag gefeiert. Nur Kinder haben das Glück zweimal gefeiert zu werden: An ihrem Geburtstag und an ihrem Namenstag.

 

Der erste Namenstag meines Griechen im eigenen Haus am 10.02.2003 war im Familien- und Freundeskreis das EREIGNIS des Jahres, in etwa vergleichbar mit den alljährlich stattfindenden Feierlichkeiten zum Geburtstag von Themse-Liesel (Queen Elizabeth für Nicht-Eingeweihte).

 

Die schwierige Mutter (Schwiegermutter = SM) flattert um mich herum, wie eine Vogelmutter, die dabei ist, mit ihrem Nachwuchs die ersten Flugversuche zu unternehmen. Die Ursache für ihre Aufregung liegt darin begründet, dass es nicht nur der Namenstag ihres Erstgeborenen ist, sondern auch die Einweihung unseres Hauses, wobei Einweihung eigentlich zu viel gesagt ist. Richtig wäre: Der Tag, an dem der weitere Familien- und Freundeskreis das Haus zum ersten Mal betreten wird. Man muss sich das so vorstellen, wie seinerzeit die Entdeckung der Grabkammer von Tutanchamun durch Howard Carter. Der Besuch betritt absolutes Neuland.

 

Also muss das Haus einschließlich Einfahrt, Garten usw. in Top-Zustand sein. Abnahme nach durchgeführtem Audit durch die SM. Werde ich die Prüfung bestehen?

 

Da ich mich grundsätzlich durch nichts und von niemand stressen lasse, gehe ich das Projekt mit dem Arbeitsnamen "Namenstag Babis" mit preußischer Akribie an, wobei die SM bei den Vorbereitungen erste Probleme mit der Subordination hat. Erst nachdem ich ihr freundlich lächelnd die 3 wichtigsten Punkte erklärt habe: "Mein Haus, mein Garten, meine Veranstaltung" wird sie umgänglicher. Als ich ihr dann noch sagte, dass sie die Führungen der Gäste durchs Haus machen darf, war sie überglücklich und vorerst aus den Füßen, bis ich ihr sagte, dass Schlaf- und Ankleidezimmer tabu seien. Ihr "Ich will aber auch Schlafzimmer und Ankleidezimmer zeigen." wiegelte ich mit den Worten ab "Das kannst Du zeigen, wenn in dem Bett wenigstens eine höhergestellte Persönlichkeit geschlafen hat, und wir eine Tafel mit dem Namen der Persönlichkeit am Fußende angebracht haben. Abgesehen davon sind dort die drei Hunde untergebracht." (Was natürlich ein taktischer Schachzug war. Viele Griechen haben Angst vor Hunden und somit musste ich einen Platz finden, wo ich sie fern von den Besuchern unterbringe. Ganz klar: Schlafzimmer.) "Ich zeige dann das Schlafzimmer von der Terrasse aus durch die Terrassentür." Nein, meine SM gibt nicht so schnell auf!! "Du wirst nichts sehen, da die Vorhänge zugezogen sind."

 

Ich habe alles im Griff: Die Einkäufe für das Abendessen mit den engsten Familienmitgliedern und Freunden nach dem Weggang der "Antrittsbesucher", das Kochen und Putzen am Vormittag und mein Styling für den Empfang der Gäste. Dazwischen delegiere ich SM, Ehemann, Schwiegerpapa, den ich zum Gassigehen mit Argos, dem Jüngsten der Hunde, verdonnere. Als er zurückkommt, bietet sich mir beim Blick aus dem Küchenfenster ein Bild, das ich so nicht erwartet hätte. Schwiegerpapa hält die Leine mit Halsband so, als hätte der Hund das Halsband noch um, was jedoch nicht der Fall ist. Argos läuft brav neben ihm her. Schwiegerpapa, der immer irgendwelchen Gedanken nachhängt, hatte gar nicht bemerkt, dass Argos sozusagen den Kopf aus der Schlinge gezogen hat.

 

Punkt 18.30 h treffen die ersten Gäste ein. Die Schwiegermutter ist in ihrem Element unter "Elate peraste" (Kommt herein) (ähnlich wie die "Lockvögel" vor den Restaurants in den Touristenhochburgen) führt sie die Besucher ins Haus. Bevor die ersten Besucher Zeit für erste "Ah"- und "Oh"-Rufe haben, werden sie von der SM zu einem Rundgang durchs Haus entführt. Am Bellen der Hunde erkenne ich, wo sich der erste Tross gerade aufhält, während ich die zweite Gruppe empfange und zu den Sitzgelegenheiten geleite.

 

Der Ablauf bei einem Namenstag ist immer derselbe. Die Besucher kommen sozusagen in Etappen. Ähnlich wie Busgesellschaften: TUI geht, Neckermann kommt.

 

Die Besucher nehmen Platz, und die Hausherrin (ich) reicht eine Schale mit Pralinen (eingepackt) herum. Nach dem Einsammeln des Einwickelpapiers (unser Haushalt hat nur 3 Beistelltischchen) serviere ich den Kuchen mit einem Glas Wasser. Wichtig sind hierbei Kristallgläser, nicht diese dickwandigen Wassergläser von Ikea. Griechische Kuchen sind sehr süß und echte Kalorienbomben. Die "Pasta" (nein, kein Nudelgericht sondern der Sammelbegriff für griechische Sahneschnittchen) werden auf kleinen Tellerchen serviert, kleiner als unsere Dessertteller, und wie schon erwähnt mit eisgekühltem Wasser gereicht. Sind nicht genügend Beistelltischchen vorhanden, stellt die Entgegennahme von Kuchen mit Gäbelchen und Serviette auf Tellerchen und des Glases einen echten Balanceakt für die Gäste dar.

 

Ganz wichtig: Die Gläser MÜSSEN auf einem Silbertablett mit Häkeldeckchen (möglichst selbst gehäkelt) herumgereicht werden. Also nicht in die Runde rufen: "Wer will Wasser?" und mit jeweils 2 Gläsern in jeder Hand zurückkommen! Das ist ein absolutes No-Go, auch wenn 2 Gläser in jeder Hand Ihr akrobatisches Geschick beweisen. Während die Gäste ihren Kuchen genießen, wird über Belangloses geredet oder in unserem Fall über so wichtige Fragen wie "Wer war der Architekt?", "Wie lange habt Ihr gebaut?", "Was hat es gekostet?" usw.

 

Mittlerweile ist die SM mit den Teilnehmern der ersten Führung zurückgekommen, die nun ihrerseits von mir versorgt werden. Wie beim Monopoly-Spielen "Gehe auf Eins zurück!". Bevor die zweite Gruppe ihre Führung antritt, serviere ich ihr einen Kaffee – wieder mit Wasser – und nicht zu vergessen: Griechischen Kaffee. Also Espresso-Maschine oder normale Kaffeemaschine anwerfen, ist nicht! Nein, auf dem kleinen Gaskocher koche ich für meine Gäste griechischen Kaffee. Da die Tassen ja sehr klein sind (etwa wie unsere Mokkatassen), kann man den Inhalt des "Briki" (der kleine Kupfer- oder Aluminiumtopf) auf 3 Tassen verteilen. Wichtig ist, dass auf jeder Tasse die unverkennbare "Creme" sichtbar ist (der Kaffee muss oben eine undurchsichtige Cremeschicht bilden). Nachdem auch der Kaffee getrunken ist, bricht die 2. Gruppe hinter meiner SM zu ihrer Führung auf. Für ihre Rückkehr halte ich schon den Likör für die Damen und den Whisky für die Herren bereit.

 

Die erste Gruppe denkt bereits an Aufbruch, als die dritte Gruppe das Haus betritt. Zwischen dem Aufbruch der ersten Gruppe und dem Eintreffen der dritten Gruppe höre ich aus dem ersten Stock gellende Hilferufe. Ich stürme in den ersten Stock (zum Glück trage ich meine schwarzen flachen Stiefeletten) und sehe Tante Aphrodite hinter dem Vorhang im Gästezimmer Schutz vor dem jungen Schäferhund suchen, der begeistert an ihr hochspringt. Lee hat es irgendwie geschafft, die Schlafzimmertür zu öffnen, wobei ich nach einem Blick auf meine 9-jährige Nichte vermute, dass sie nach ihrem Besuch bei den Hunden die Tür nicht wieder abgesperrt hat. Nachdem ich den Hund wieder eingefangen und die aufgeregte Tante beruhigt habe, konnten wir alle den Weg nach unten antreten. Da die Tante eine beängstigend rote Gesichtsfarbe hat, beschließt ihr Mann, sie nach Hause zu bringen. Bevor er geht schimpft er die Nichte aus und sagt ihr, dass die Tante tot sein könnte – vor Schreck. Nicht auszudenken! Von dem Ereignis hätte ganz Levadia noch in 100 Jahren gesprochen. Das sind so Geschichten, die sich von Generation zu Generation vererben!

 

Die zweite Gruppe bekommt nun Likör (für die Damen) und Whisky (für die Herren) und kann sich von den gesalzenen Nüssen auf den Beistelltischchen nehmen. Nachdem nun auch die 3. Gruppe von ihrer Führung zurückgekommen ist und bis zu Likör und Whisky aufgeholt hat, bildet sich die obligatorische Herrenrunde, in der über Traktoren, Ernte, Aussaatzeiten usw. geredet wird. Mittlerweile ist es 21.30 h und soeben trifft die 4. Gruppe ein: Unsere Freunde, die zum Essen bleiben. Um 22.00 h verlässt die 3. Gruppe die "Ausgrabungsstätte" und ich beginne mit den Vorbereitungen für das Essen, das ich eine halbe Stunde später auf den Tisch bringe.

 

Georgios und Maria, Mimis und Maria, Kostas und Frosso sowie Schwiegereltern, Schwager, Schwägerin und Nichte setzen sich zu Tisch. Es wird eine sehr gemütliche Runde, in der viel gegessen, getrunken und gelacht wird. Babis ist glücklich, dass alles so toll geklappt hat. Und die SM strahlt wie ein Kürbis zu Halloween. Das war genau ihr "Ding". Sie stand im Mittelpunkt – bei den Führungen.

 

Um 1.00 h früh gehe ich über die Terrasse zu den Hunden ins Schlafzimmer, gebe ihnen frisches Wasser und lasse sie auf der Terrasse laufen. Als ich zurück ins Haus gehe, knicke ich auf einem kleinen Stück Dachziegel um und schlage mit der linken Hand gegen den bronzenen Wasserhahn….. Mit einem Blick auf die schlaff herunter hängende Hand ist klar, dass sie gebrochen ist.

 

Meine Worte beim Betreten des Esszimmers "Kann mich jemand ins Krankenhaus fahren, meine Hand ist gebrochen!" schlagen ein wie die sprichwörtliche Bombe. Cousin Mimis, Mary und Babis begleiten mich ins Krankenhaus, wo mir Armand Assante (ich meine, dass der Arzt aussah wie Armand Assante - Foto siehe oben - Roxanne würde sagen: Ein echtes Schnittchen!) die Hand richtet und anschließend eingipst. Der Arzt versichert, dass es ein glatter Bruch ist und bedankt sich für die großartige Unterhaltung. Da in "meinem" Behandlungszimmer so viel gelacht wurde, haben sich noch andere diensthabende Ärzte eingefunden. Sie versichern mir, dass sie bisher noch keine so lustige Patientin gehabt hätten…"Armand" nennt mich "Gunda Germanica". Bei so gut aussehenden Ärzten vergisst man doch glatt, warum man eigentlich ins Krankenhaus gekommen ist...

 

Um 3.00 h liege ich mit Gipsarm in meinem Bett und genieße die himmlische Ruhe und auch meinen Erfolg als Gastgeberin.

 

 

09.01.2017:

 

Sommerurlaub 1982 in Griechenland - Ich werde begutachtet...

 

Als ich am nächsten Morgen im Hof am Waschtrog stehe, der eine festzementierte, mit Mosaikbelag ausgekleidete Wanne ist, und T-Shirts wasche (nicht, dass im Haus keine Waschmaschine wäre, aber ich wollte einen guten Eindruck machen), öffnet sich die Tür zum Innenhof und zwei schwarz gekleidete fast identisch aussehende ältere Damen  treten ein. Sie erinnern stark an die weibliche Antwort auf die beiden alten Nörgler in der Muppets-Show Statler und Walddorf.

 

Sie begrüßen mich im Hof und ich geleite die beiden Damen nach oben auf die Terrasse. Sie setzen sich nebeneinander aufs Sofa, und nehmen mich, die ihnen gegenüber Platz genommen hat, genau unter die Lupe. Eine der beiden trägt auch eine große schwarze Brille mit so dicken Gläsern, dass ich mich wie auf der Trägerplatte unter dem Mikroskop fühle. Ich sitze lächelnd da und harre der Dinge, die da kommen.

 

Zu meinem Glück geschehen 2 Dinge gleichzeitig, Babis kommt aus der Stadt zurück und seine Mutter betritt mit 2 Tassen griechischen Kaffees und 2 Gläsern Wasser die Terrasse. Der heimgekehrte Sohn begrüßt herzlich die  beiden Tanten und setzt sich dazu. Die Mutter flattert wieder davon, um Kaffee und Wasser für den Sohn zu holen. Nachdem nun alle sitzen, nehmen die Tanten ihre Musterung wieder auf. Bin ich tauglich, bedingt tauglich oder nicht tauglich. Ich höre schon den "Nicht-Tauglich-Stempel niederknallen".

 

Zuerst erklärt mir Babis den Verwandschaftsgrad der beiden Tanten. Die Griechen legen sehr großen Wert auf die richtige Zuordnung von Kusinen. Zum Beispiel: Das ist Kiki, meine Kusine 1. Grades. Anschließend folgt eine Zusammenfassung des Familienstammbaums. Nachdem nun klar ist, wer wer ist und von wem er abstammt, beginnt die eigentliche Unterhaltung, die Babis  für mich übersetzt.

 

"Ist sie Deutsche?"

"Ja."

"Sie ist aber nicht blond!" (Ich beginne ernsthaft über eine Typ-Umgestaltung nachzudenken.)

"Die beiden anderen Deutschen im Ort sind blond und kommen aus Hamburg." (Vielleicht sollte ich auch noch einen Umzug von Saarbrücken nach Hamburg in Erwägung ziehen, da Saarbrücken kaum einer kennt, und ich es der Einfachheit halber in die Nähe von Frankfurt verlegt habe, das die meisten kennen.)

 

Die kleinere der beiden sagt nach längerer Überlegung: "Sie sieht gar nicht wie eine Deutsche aus." Die mit der Brille aus alten Fielmann-Beständen lässt die Feststellung ihrer Freundin nicht unkommentiert stehen und antwortet: "Nein, sie sieht nicht aus wie eine Deutsche, aber sie hat was von einer Deutschen." Nachdem das nun geklärt ist, trinken die Damen ihren Kaffee aus und schreiten von dannen.

 

Vorhang auf für die nächste Tante: Tante Elektra. Tante Elektra könnte glatt Medea spielen. Sie hätte das Rüstzeug dazu. Sie schließt mich in die Arme, drückt mir 2 Wangenküsse auf, schiebt mich ein wenig zurück, legt die rechte Hand auf ihre Brust und sagt: Ich, Elektra und Du?

 

Diese Geste erinnert mich stark an Tarzan und ich bin fast versucht "Jane" zu sagen. Aber nein, ich sage brav meinen richtigen Vornamem und sie fragt: "Gouda wie der Käse?" Dazu muss man wissen, dass im Griechischen das "d" "nt" (ni, taf) geschrieben wird. Ein 2. "n" ist nicht üblich.

 

Und für die, die sich meinen Namen nicht merken konnten, war ich die Germanitha mit den Hunden (ja genau, wie im Indianischen: Name und Entsprechung). Und der Zusatz "mit den Hunden" kam daher, weil ich mich immer um die Straßenhunde gekümmert habe.

 

Es folgte Tante Maro, die meine etwas kräftigen Hüften bemängelte, was meine "Schönheit" mindere. Ohne diese ausladenden Hüften, wäre ich hübscher als ihre eigene Schwiegertochter gewesen, was jedoch ihren Neid hervorgerufen hätte.

 

Es ist ein Brauch, dass, wenn die zukünftige Schwiegertochter ins Haus kommt, alle Verwandten und Bekannten ihre Aufwartung machen, um das neue Familienmitglied willkommen zu heißen und zu begutachten. Und bei einer großen Familie wie meiner späteren Schwiegerfamilie hätte man alle am besten in einen 60 Sitzplätze fassenden Bus gepackt und gesammelt vorgefahren.

 

 

 

23.02.2017:

Griechenland wir kommen….. Dezember 1982/Januar 1983

 

Nach meinem Urlaub in Griechenland war klar, dass ich in diesem Land unbedingt auf Dauer leben wollte.

 

Nette Schwiegerfamilie, schönes Land – kurz gesagt, sah ich alles durch die berühmte und viel zitierte rosarote Brille. Ein Anfall von starker Verliebtheit, aber nicht für einen Kerl sondern für ein Land!

 

Im November 1982 eröffnete ich meinen Eltern in einem Café am Südfriedhof von Saarbrücken, dass ich nach meiner Hochzeit nach Griechenland ziehen würde. Natürlich weiß ich heute, dass es bessere Orte gibt, um solches zu verkünden, aber damals schien mir dieser Ort genau so gut oder so schlecht wie jeder andere zu sein.

 

Den Einwurf meiner Mutter „Du bist alt genug, du musst wissen, was du tust. Und ein Urlaub ist etwas Anderes als ein ständiger Aufenthalt bei deiner Schwiegerfamilie“, hielt ich für Eifersucht auf meine Schwiegerfamilie und ließ ihn – untypisch für mich - unkommentiert. Natürlich war ich mit 35 alt genug, um zu wissen, was ich tat – zumindest war ICH felsenfest davon überzeugt. Ich kündigte also Job und Wohnung fristgerecht und bereitete den Umzug vor oder besser gesagt den Auszug aus Deutschland vor. Aus heutiger Sicht würde ich das ganze Unterfangen unter den Arbeitstitel „Nichts wie weg!“ oder „Kopflos auf zu neuen Ufern“ stellen.

 

Am 21.12.1982 heiratete ich den Mann, den ich ein Jahr zuvor kennengelernt hatte, vollkommen unspektakulär auf dem Standesamt in Saarbrücken. Unspektakulär heißt, im schlichten schwarzen Kostüm mit weißer Bluse.

 

Eine Hochzeit in weiß stand nie zur Debatte, weil ich mit Sicherheit die erste Braut gewesen wäre, die lang ausgestreckt vor dem Pfarrer gelegen hätte, da sie sich beim Gang durch das Kirchenschiff an der Hand von Papa vorne auf den Saum des sahnebaiserartigen Gebildes getreten wäre. Diese Verweigerung einer Hochzeit in Weiß geht auf ein einschneidendes Schlüsselerlebnis bei meiner Konfirmation in der Kirche zurück.

 

Für mich war die Konfirmation nur dadurch interessant, dass meine Eltern mir zum ersten Mal das Tragen von Schuhen mit Pfennigabsätzen gestatteten. Ich trug meine neuen Schuhe mit 4 cm Absatz (!) mit Stolz und frisch aus dem Karton. Die Schuhe hatten eine Perlonsohle und waren für mich das GRÖSSTE. Mich hat auch nicht gestört, dass meine Sandkastenfreundin Marion auf echten High Heels (10 cm Absatz) zu ihrer Konfirmation erschien.

 

Irgendwann kam der Teil, an dem wir uns alle nebeneinander auf ein mit rotem Samt gepolstertes Bänkchen knien mussten. Brav knieten wir vor dem Pfarrer und hofften auf ein baldiges Ende seiner Predigt, weil einigen von uns vernehmlich der Magen knurrte. Als der Pfarrer zum Ende der Zeremonie kam, gab er uns das Zeichen zum Aufstehen. Die Einzige, die nicht aufstehen konnte, war ich, da meine perlonbesohlten Schuhe auf dem roten Teppich „durchdrehten“. Der Pfarrer reichte mir die Hand, damit ich endlich von dem Bänkchen hochkam. Das war ein Zeichen!

 

Doch zurück zum Tag meiner Hochzeit. Die Eheringe waren nicht graviert, weil wir erst kurz vor der Hochzeit welche gefunden hatten, die uns gefielen. Ich wollte unbedingt einen schmalen Ehering, weil ich die damals einem Fangeisen nicht unähnlichen Ringe absolut nicht an meiner Hand sehen wollte.  Da ich an meiner rechten Hand noch nie einen Ring getragen hatte, trug ich den Ring links, was in Griechenland für Verwirrung sorgte: „Ihr seid verlobt?“ „Nein, verheiratet.“ „Aber dann trägst du den Ring an der falschen Hand. Du musst ihn rechts tragen.“ Überflüssig zu sagen, dass ich den Ring immer links trug.

 

Nach der Trauung fuhr ich mit meinem frischgebackenen Ehemann zu Karstadt und kaufte in der Lebensmittelabteilung alle Zutaten und Getränke für mein für den Abend geplantes Kaltes Büffet ein. Wieder zu Hause gab es erst einmal von meinem Vater zubereitete Hausmannskost für den kleinen Hunger zwischendurch: Weiße Bohnensuppe mit Würstchen, was die Griechen (meinen Mann, unseren Trauzeugen Giorgos und meinen Schwager Giorgos) irritierte. Bei ihnen gibt es Eintöpfe ohne Wurst – zumindest war dies damals der Fall.

 

Nach dem Mittagessen verzog ich mich in die Küche, briet Roastbeef, Schweinefilet, machte Salate und baute alle Köstlichkeiten auf meinem Küchentisch auf. Dann deckte ich den Tisch im Wohnzimmer und Punkt 19.00 h schlug ich den Gong zum Essen. Es wurde ein harmonischer Abend, an dem auch die Zeit bis zum Auszug der Kinder nach Griechenland geplant wurde.

 

Ich musste zwischen Weihnachten und Silvester noch arbeiten, während sich meine Familie mit dem Beladen des bei der Deutschen Bundesbahn bestellten Containers befasste. Dieser Container, der in etwa die Größe eines Kleiderschranks für Kinder- und Jugendzimmer hatte, wurde mit unserer Couch, einem antiken Tisch, einem alten Nähtischchen, einer Großvateruhr, einem Ölgemälde mit Bismarck, einem alten Gobelin aus Familienbesitz, einem kleinen Bücherregal und Kartons mit Büchern beladen. Als Liefertermin für den Container gab die Bahn „Ende Januar 83“ an…..

 

Anfang Januar fuhren wir mit bis unters Dach vollgepacktem Geländewagen, Schwager, Schäferhund, Farbfernseher und sonstigen „Kleinigkeiten“ Richtung Ancona, um von dort aus mit der Fähre ins Land der Hellenen zu fahren. Nach 2 Tagen im Geländewagen mit Übernachtung und Frühstück kamen wir in Ancona an und wurden zum Glück gleich verschifft. Die Überfahrt war sehr stürmisch, weshalb mein Mann die Zeit überwiegend in unserer 3-Bett-Kabine verbrachte. Als wir nach 36 Stunden Überfahrt in Patras ankamen, mussten wir nur noch zu der kleinen Fähre, um zum Festland überzusetzen. Die kleine Fähre kämpfte sich tapfer durch die sturmgepeitschte See und setzte uns wohlbehalten auf der anderen Seite ab.

 

Morgens um 4.00 h trafen wir in meinem neuen Zuhause ein, nachdem wir die letzte Etappe mit schlappen 160 km und gezählten 262 Kurven bewältigt hatten. Ein kurzer Blick auf ihren Zweitgeborenen veranlasste die SM zu dem entrüsteten Ausruf: „Kind, wie siehst du denn aus? Du bist ja so dünn geworden! Hast du nix zu essen gekriegt?“ Wäre mein Griechisch schon besser gewesen, hätte ich geantwortet, dass wir ihn in einem Holzverschlag unter der Treppe gehalten haben, um ihn auszuhungern, weil er die grünen Nudeln nicht essen wollte. Klar, 2 Wochen ohne mütterliche Fürsorge sorgen für eine sichtbare Gewichtsreduzierung. Wenn das Kind (26!) das vorgesetzte Essen nicht essen will, macht die Mama schnell mal Bratkartoffeln mit Spiegelei.

 

Nach einem kleinen Imbiss fielen wir todmüde ins Bett. Morgen ist auch noch ein Tag.

 

Ich hab’s geschafft, ich bin in Griechenland und mit diesem Gedanken schlafe ich ein.

 

 

 

Wer hat das schönste Bleikristall im ganzen Land?

 

Bleikristall und Griechenland gehören zusammen. Ich habe nirgendwo so viele Geschäfte gesehen, in denen Artikel aus Bleikristall angeboten werden, wie in Levadia.

 

Artikel aus Bleikristall werden zum Namenstag, zur Verlobung, zur Hochzeit und zur Taufe verschenkt. Und natürlich werden die diversen Geschenke wie Schalen, Schälchen, Gläser, Schüsseln, Aschenbecher usw. auch ausgestellt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf dem Tisch vor der Sitzgruppe, der mindestens 2 Stellflächen hat, werden auf s-förmig drapierten Tischläufern aus Tüll, Spitze u. ä. die schönsten Stücke aufgestellt. Weitere Stücke werden nach dem gleichen Muster auf der unteren Stellfläche angeordnet. Die Gäste auf der Sitzgruppe sehen sich mit 2 Problemen konfrontiert:

 

1) Wo sollen sie das Glas abstellen? Um es abstellen zu können, müssten sie das Arrangement verschieben, wodurch die S-Form des Tischläufers zerstört würde. Also behalten sie das Glas erst einmal in der Hand. Nun gibt es für die Außensitzenden die Möglichkeit, ihr Glas auf speziellen Halterungen auf der Armlehne abzustellen. Das könnte aber gefährlich werden, wenn eines der Kinder mit einem Satz auf den Schoß von Mama oder Papa springt und mit den Schuhen den Kristallbecher aus der Halterung auf der Armlehne stößt. Scherben bringen zwar Glück, ziehen aber den Unmut der Hausherrin nach sich, die bereits beim Zusammenkehren der Scherben fieberhaft überlegt, wo sie Ersatz für das zerbrochene Glas findet.

 

2) Wie können sie die Beine etwas ausstrecken, ohne an das Bleikristall auf der unteren Stellfläche zu stoßen? Diese Frage stellt sich eher den Männern, weil die durchschnittliche Griechin mit 1,60 m beim Sitzen auf der Couch gerade mal mit den Füßen auf den Boden kommt. Wenn es schwere Gegenstände sind, ist die Gefahr geringer, dass ein Gegenstand den anderen beim Anstoßen mitreißt (Dominoeffekt), aber die Gegenstände können aneinanderprallen, was ein helles Pling auslöst, das trotz des relativ zarten Tons durch das Stimmengewirr dringt und das Missfallen der Gastgeberin hervorruft.

 

Ganz wichtig ist auch, dass man sich bei einem Besuch in einer bleikristalllastigen Wohnung erkundigt, wo diese selten schönen Stücke her sind. In der Regel erfährt man dann den Namen des Ladens und den Preis.

 

Bleikristall in allen Formen und Farben hat auf jeden Fall während meiner Zeit in Griechenland einen wahren Hype ausgelöst und war sehr beliebt, ebenso wie diese gardinenartigen Tischläufer. Aber wie heißt es so schön: "Chacun à son goût!"

 

Allerlei Wissenswertes

 

Aberglaube

 

Besonders in ländlichen Gemeinden ist der Aberglaube noch tief verwurzelt.

 

Kleinen Kindern, die im Kinderwagen oder zu Fuß unterwegs sind, wird vor dem Ausflug immer ein kleines Amulett mit einem Auge (siehe nebenstehendes Foto) an die Kleidung geheftet, das vor dem bösen Blick schützen soll.

 

Meine Schwiegermutter hat für ihre Kinder und deren Familien immer kleine viereckige Leinensäckchen genäht, in denen sie kleine Dinge hineingelegt hat, die ebenfalls vor dem bösen Blick und vor Neidern schützen sollen.

Am Gartenzaun wird neben dem Eingang ein Säckchen mit Knoblauch aufgehängt und neben der Haustür steht oft ein Busch mit gelben Blüten - Goldgarbe - der unangenehm stark riecht, und dessen Aufgabe es ist, das Böse vom Haus fernzuhalten und der mit dem Geruch auch die Bewohner vertreibt.

In jedem griechischen Auto liegen im Handschuhfach neben dem üblichen Krimskrams entweder eine echte Knoblauchknolle oder eine aus Keramik und das bereits zitierte Säckchen zum Schutz vor dem Bösen.

 

Und wenn keines der eingesetzten Mittel geholfen hat, was man daran erkennt, dass die kleinen Kinder plötzlich über Übelkeit klagen oder ständig weinen, während erwachsene Betroffene über Kopfschmerzen, Magenschmerzen oder Übelkeit klagen und diesen Zustand in folgende Worte fassen: "Eimai matiasmeni", was so viel heißt, dass der- bzw. diejenige vom bösen Blick getroffen wurde.

 

Jetzt sucht man Hilfe beim Orakel. Nein, nicht bei dem von Delphi oder bei dem, das von Pythia überliefert wurde. Nein, hier handelt es sich um ein familieneigenes Orakel, das von der Mutter meiner Schwiegermutter an ihre Tochter weitergegeben wurde, die es wiederum an ihre griechische Schwiegertochter weitergegeben hat. Das Orakel besteht aus einer Reihe von leise gemurmelten Sätzen. Nach dem "Besprechen" wird Wasser in eine kleine Mokkatasse gefüllt, in die man anschließend mit dem kleinen Finger 3 Tropfen Öl träufelt. Verschwindet das Öl von der Oberfläche, dann wurde man vom bösen Blick getroffen. Anschließend muss der bzw. die Betroffene 3 kleine Schlucke aus dem Tässchen nehmen und alles ist wieder gut. Wirkt auch aus der Ferne per Telefon. Wichtig sind das Besprechen und das anschließende Einträufeln von Öl in Wasser. Verschwindet das Öl mit einem Zischen, so bedeutet das, dass es den bzw. die Betroffene schlimm erwischt hat. Dann ist in der Regel eine weitere "Besprechung" nach etwa 1 Stunde erforderlich.

 

 

Die Familie

 

Das nebenstehende Foto zeigt meine griechische Familie (von links nach rechts): Schwager, Schwiegervater und Schwiegermutter mit Enkelin Angeliki.

 

Die Familie ist eine Institution und bis heute ein Matriarchat – zumindest außerhalb von Großstädten.

 

Die Mutter ist die zentrale Figur – Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsrat in einer Person. An ihr kommt niemand vorbei, ähnlich wie an dem hinter dem "Hier wache ich"-Schild lauernden Wachhund.

 

Wenn die Kinder Probleme in der Schule, im Beruf oder mit dem Partner haben: Die Mutter redet mit dem Lehrer, wobei sie vor dem Lehrer in jedem Fall Partei für ihre Kinder ergreift, oder mit dem Vorgesetzten bzw. dem Partner, und zwar egal wie alt das Kind ist. Sie regelt das. Dort sagt keine Mutter zu ihrem Sprössling "Warte nur, bis Dein Papa nach Hause kommt, dann setzt es was." Bis der Papa zu Hause ist, ist der Teil der Bestrafung schon abgeschlossen.

 

Eine (fast) reine Männerdomäne sind nur die Metzgerei (der Mann kauft das Fleisch, obwohl der nicht immer unbedingt Ahnung hat) und das ursprüngliche Kafeneio (nicht mit den Cafés zu vergleichen, die in Griechenland wie Pilze aus dem Boden schießen und neben Frappé (kalt aufgeschlagener Nescafé), Fredocino (eiskalter Milchkaffee), Espresso auch noch den guten alten griechischen Kaffee anbieten). Im ursprünglichen Kafeneio saßen keine Frauen. Das war den Männern vorbehalten. Dort trafen sie sich am frühen Vormittag und am späten Nachmittag, politisierten oder spielten Tavli (Backgammon), tranken den kleinen Kaffee oder auch mal Ouzo oder Tsipouro (Tresterschnaps) und aßen Meze (eine Vielfalt kleiner Vorspeisen). Jeder von ihnen hatte einen Koboloi (kleine Kette mit auf Fäden aufgereihten Perlen), den er während der oftmals hitzigen Debatten durch seine Finger gleiten ließ.

 

Wenn zum Bekanntenkreis der Familie einflussreiche Personen (aus Wirtschaft, Partei usw.) gehören, wird Mama diese für ihre Zwecke einspannen und dafür sorgen, dass diese ein gutes Wort für ihre Kinder bei einem ihrer Bekannten einlegen, damit diese zu Lohn und Brot kommen.

 

In einer an Söhnen reichhaltigen Familie wird sie sich jede der eventuell als zukünftige Ehefrau in Frage kommende "Bewerberin" genau ansehen und sie gleich beim ersten Antrittsbesuch auf Herz und Nieren prüfen. Ihr Urteil reicht von "akzeptabel", "bedingt tauglich, sofern sich nichts besseres findet" und "vollkommen untauglich". In der Regel ist es aber meistens dann die von der Mutter als "vollkommen untauglich" eingestufte Bewerberin, die dem Sohn am besten gefällt. Doch die wird er nicht durchsetzen können. Sie wird alles tun, um sie ihm zu vermiesen und zu diesem Zweck auch vor halbwahren oder erfundenen Informationen nicht zurückschrecken. Aber wo kein Kläger, da kein Richter, und nach dem Beichten solcher Verfehlungen ist Mama nach 10 gebeteten Ave Maria wieder von allen Sünden rein gewaschen.

Die Bewerberinnen, die die Mutter favorisiert, rauchen und trinken nicht, sind häuslich, können Brot backen, kochen und putzen. Sie sollen ansprechend aussehen, nicht zu dick sein und möglichst eine gute Mitgift mitbringen. Und sie sollten vor allem noch bei ihren Eltern leben, die ein Garant für ein quasi klösterliches Leben bis zur offiziellen Verlobung sind. Nach der Verlobung darf man offiziell üben. Bei meinem Schwager nahm meine Schwiegermutter die Brautschau in die Hand, nachdem er ihr nach ihrer maßgeblichen Meinung 4 vollkommen ungeeignete Kandidatinnen präsentiert hatte. Eine der Ausgesiebten hat sie dann später mit dem besten Freund meines Mannes verheiratet. Der Grund für das Ausscheiden dieser Kandidatin war der kleine Buckel des Vaters der Dame. Die Mutter befürchtete, dass die Nachkommen aus dieser Verbindung ebenfalls einen kleinen Buckel haben könnten. Mithilfe ihrer Schwägerin hat sie dann die für sie ideale Schwiegertochter gefunden – per προξενεύω (Verkuppeln). Doch davon später mehr.

 

Zu einer griechischen Familie gehören noch die Geschwister der Eltern, deren Familienmitglieder sowie die jeweiligen Cousinen und Cousins, die zur besseren Unterscheidung in Grade aufgeteilt sind, was aber für Nordeuropäer eher verwirrend ist. Bei der Vorstellung hört sich das dann so an: Das ist Niki, meine Cousine 1. Grades, Elektra, meine Cousine 2. Grades und nach dem 3. Namen mit entsprechendem Grad verliert man als Nichtgrieche den Überblick. Eine genaue Erklärung erspare ich mir. Fatal wird es dann, wenn z. B. ein ehemaliger Nachbar, Bekannter o. ä. auftaucht. Der wird dann wie folgt vorgestellt: Das ist Dimitri. Der hat früher in dem Haus gewohnt, wo jetzt Georgios und Katerina wohnen. Dimitri hat Chrisula geheiratet, die eine Cousine 3. Grades von Deinem Schwiegervater ist und die früher neben Oma Katina gewohnt hat, bevor sie mit Dimitri in das Haus neben Panajota und Serafim gezogen ist. Ein nach dieser Aufzählung ausgesprochenes "Häh?" drückt das Unverständnis noch am besten aus.

 

Ich will hier nicht die Verdienste der griechischen Mütter und Schwiegermütter herabwürdigen, sondern nur die Unterschiede zu unseren Familien aufzeigen. Ich glaube nicht, dass sich ein junger Mann in unseren Gefilden bei der Wahl seiner Frau von seiner Familie beeinflussen lässt. Dies hängt aber auch damit zusammen, dass er, sobald er einen Beruf hat, nicht mehr zu Hause wohnt. Und genau das ist in Griechenland ein Unding. Zumindest in kleineren Städten und auf dem Land.

 

In der Regel ist es so, dass der Mann nach seiner Heirat bei seiner Familie wohnen bleibt und zwar entweder in derselben Wohnung oder im selben Haus. Die Frau zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern und bleibt dort, und zwar entweder ihr Leben lang, oder wenn ihr Mann gut verdient und sie auch arbeitet, kann sie irgendwann mit ihrer Familie ins eigene Haus umziehen.

 

Das beste Beispiel ist meine Schwägerin. Sie kam mit 23 (1991) als Schwiegertochter ins Haus meiner Schwiegereltern und lebt seit dieser Zeit dort. Nach der Hochzeit meines Schwagers und nach der Geburt meiner Nichte waren es bis zum Tod meines Schwiegervaters in 2005 5 Personen und danach 4, die auf 100 m2 (2 Schlafzimmer, 1 Kinderzimmer, Wohnzimmer, Küche und Bad) lebten. Privatsphäre NULL!

 

Es gilt ebenfalls als Unding, dass der Sohn ins Haus seiner Schwiegereltern zieht. Auch nicht, wenn es dort eine eigene Wohnung für das junge Paar gibt. Die Traditionen werden hochgehalten und danach gehören Sohn und Familie ins Elternhaus. Basta!

 

Das ständige Zusammenleben mit der Schwiegermutter ist ungefähr so, als würde man mit seinem Chef zusammenwohnen. Und nachdem ich es ein Jahr (mein Schnupperjahr) ausprobiert habe, ist das nur eine Option für Griechinnen.

 

Die Familie in Griechenland ist und bleibt eine Institution, die als solche für uns nur schwer verständlich ist. Natürlich kann eine große Familie etwas Schönes sein. Aber wie ich zu sagen pflege: Entfernung bringt Nähe!

Und ich gehöre definitiv zu den Freigeistern, die gerne von Anderen lernen, sich aber nichts sagen oder vorschreiben lassen!

 

 

 

Die griechisch-orthodoxe Kirche

 

Neben der Familie kommt der Kirche in Griechenland große Bedeutung zu.

 

Die griechisch-orthodoxe Kirche weist sehr viele Ähnlichkeit mit der katholischen Kirche auf. Allerdings dürfen die der griechisch-orthodoxen Kirche angehörenden Priester heiraten, sofern die Eheschließung vor der Priesterweihe erfolgt. Beide Glaubensrichtungen zeichnen sich durch ihre Rigidität in Glaubensfragen aus, die kaum Platz für individuelle Entscheidungen lässt. Die Einnahme von empfängnisverhütenden Mitteln ist in der griechisch-orthodoxen Kirche offiziell verboten und Anderssein im Sinne von homosexuellen Beziehungen wird als Teufelswerk angeprangert.

 

Die zentrale Figur in der griechisch-orthodoxen Kirche ist die Muttergottes. Zu ihr betet man, an sie wendet man sich, wenn man Hilfe innerhalb der Familie, bei Krankheit oder sonstigen Problemen braucht. Jesus Christus spielt hier eher eine untergeordnete Rolle.

 

Jeder Grieche hat darüber hinaus seinen eigenen Schutzpatron, an den er sich wendet, wenn er Hilfe braucht. Jedem Schutzpatron ist eine eigene Kapelle gewidmet, die an seinem Geburtstag geschmückt wird und die man besucht, um Trost und Beistand zu erbitten.

 

Die Angst vor dem Teufel und seinem Werk ist auch im 21. Jahrhundert noch präsent, wie die bei der Taufe eines Kindes ausgesprochenen Worte beweisen:

 

    Der Priester:

        – Widersagst du dem Satan und allen seinen Werken und all seinem Dienste und all seinem Gepränge?

    Der Taufpate (an Stelle des Kindes):

        – Ich widersage.

 

Diese Frage und diese Antwort werden dreimal wiederholt.

 

    Darauf spricht der Priester:

        – So blase und spucke ihn an! (Anm.: Dieser Teil mit dem Spucken hat mir immer besonders gut gefallen, obwohl ja nur andeutungsweise gespuckt wird.)

 

Das Spucken ist ein Zeichen der äußersten Verachtung. Der Satan ist durch die Kraft Gottes besiegt, der Christ braucht sich vor ihm nicht mehr zu fürchten, und als Zeichen dafür, dass er die Rache des Satans nicht fürchtet, bläst und spuckt ihn der Taufpate an (nur andeutungsweise, da es ja ein Symbol ist und die Verachtung nicht von der Menge des Speichels abhängt).

 

    Danach gibt der Priester die Anweisung, sich mit dem Gesicht nach Osten, zum Herrn, zu wenden, und stellt die Frage:

        – Schließt du dich Christus an?

    Der Taufpate:

        – Ich schließe mich an.

 

Diese Frage und diese Antwort werden ebenfalls dreimal wiederholt.

 

 

Dieser Text wirkt heute wie ein Text aus dem Mittelalter, als Hexen und Andersgläubige verfolgt wurden und in der Regel auf dem Scheiterhaufen endeten.

 

Wenn man das Gefühl hat, dass das eigene Haus verflucht ist, lässt man den Priester kommen, der das Böse mit Weihwasser vertreibt, und das Haus anschließend segnet.

 

In jedem griechischen Haushalt gibt es einen kleinen Altar mit Ikonen und Weihwassergefäß, an dem oder in dessen Umgebung nachts immer ein kleines Öllicht (siehe Foto oben) brennt. Die Öllichter finden sich auch auf den Friedhöfen in Griechenland wieder, wo sie von den Familienangehörigen der Verstorbenen jeden Abend entzündet werden.

 

 

Kaffeesatz lesen

 

Das bereits erwähnte Mokkatässchen bringt mich zum nächsten Thema: Kaffeesatz lesen.

 

Das erfordert viel Phantasie und Geschick, um dem "Auftraggeber" fehlende Informationen zu entlocken, die aus den Verläufen des Kaffeesatzes nicht unbedingt ersichtlich sind. Nachdem der griechische Kaffee ausgetrunken ist, wird ein Moment gewartet, bis der Satz am Boden nicht zu nass ist. Dann wird die Tasse auf der Untertasse umgedreht. Nach einer kurzen Wartezeit wird die Tasse erneut umgedreht. Anhand der Verläufe in der Tasse erkennt die Fachfrau oder der Fachmann, was den Ratsuchenden erwartet (unser griechischer Trauzeuge Georgios hat in einem griechischen Restaurant pro "Lesung" 10,00 DM kassiert!). Eine Cousine 2. Grades (?) meiner Schwiegermutter, Sofula, hat im Kaffeesatz die Kirche gesehen, die neben dem griechischen Restaurant liegt, in dem Babis neben seinem Studium gejobbt hat, sie hat mich gesehen (ich müsste die Tasse gesprengt haben!) und sie hat gesehen, dass wir 3 Kinder bekommen. Bis auf die Kinder hat alles gestimmt.

 

Wie gesagt, es ist alles eine Frage der Interpretation. Ein Schiff, Flugzeug oder Auto deutet auf eine bevorstehende Reise hin, zwei Personen mit einem Punkt (Zipfelchen) in der Mitte bedeuten baldigen Nachwuchs usw. usw.

 

Diejenigen, die gerne mehr darüber wissen wollen, finden im Internet Tipps für die Zubereitung des Kaffees und zur Bedeutung der Symbole, die aus den Verlaufsspuren nach erneutem Umdrehen der Tasse herausgelesen werden können.

 

 

 

Sprache

 

Wer in Griechenland dauerhaft leben will, muss die Sprache erlernen. Entweder vor dem Umzug nach Griechenland oder im Land. Ich habe sie in meinem ersten Jahr in Griechenland mithilfe der Schulbücher aus der Grundschule gelernt und durch Nachsprechen. Doch beim Lernen durch Nachsprechen ist Vorsicht geboten, wenn man die Bedeutung nicht kennt. Mein Schwiegervater hat beim abendlichen Fernsehen oft das Wort μαλάκας (malaka) verwendet. Ich war der Meinung, dass es so etwas wie "Quatsch, Blödsinn" bedeutet und habe mit einem akzentfrei ausgesprochenen Malaka als Kommentar zu einem Fernsehbeitrag die abendliche Fernsehrunde in 2 Lager gespalten: Entsetzen bei Schwiegermutter und Ehemann und Gelächter auf der Seite von Schwiegervater und Schwager. "Wo hast du den Ausdruck her?" "Von Papa, der sagt den andauernd, dann kann es nix Schlimmes sein." "Doch, denn es heißt Wichser." "Und warum sagt er es dann andauernd?" Diese Frage wurde nie beantwortet.

 

Vorsicht ist auch bei Begriffen geboten, die im Prinzip dasselbe bedeuten, aber unterschiedlich verwendet werden. In meinem Fall waren es die Wörter "πεθαίνω" (pethaino) (sterben) und ψοφώ (psofo) (sterben aber im Sinne von "verenden"). Da ich den Unterschied nicht kannte, antwortete ich auf die Frage des Priesters Papa Dimitri nach dem Befinden meiner Patentante: "Die ist verendet." Der Priester brach daraufhin in schallendes Gelächter aus, was ich nicht verstehen konnte. Als er sich wieder gefasst hatte, hat er mir dann den Unterschied zwischen den beiden Begriffen erklärt.

 

Damit man sich bei Besuchen, Treffen und im täglichen Leben nicht ausgeschlossen fühlt, muss man Griechisch können. Ganz wichtig auch, um von Fall zu Fall die Schwiegermutter zu maßregeln, wenn sie den x-ten Versuch gestartet hat, massiv ins Leben ihrer Schwiegertochter einzugreifen. Und vor allem, um ihr zu erklären, dass Sie Spitzendeckchen auf der Heizung über Silberfolie nicht hübsch finden.

 

Was mir an Griechisch gefällt, ist, dass es eine sehr lebhafte und laute Sprache ist, und dass es auch unter Zuhilfenahme der Hände gesprochen wird, was meinem Temperament sehr entgegenkommt.

 

Sind zwei Griechen in einem Raum und unterhalten sich, entspricht die Lautstärke der von 4 Deutschen am Stammtisch.

 

Nach meiner Erfahrung ist es der falsche Ansatz, nach Griechenland zu ziehen oder dort zu leben, ohne die griechische Sprache zu beherrschen. Auch dann nicht, wenn Ihr Mann oder Lebensgefährte Ihre Sprache spricht und Ihnen quasi als Dolmetscher dient.